Eine Auswahl an Pressestimmen

Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 10.01.07

Zum Tod von Gerhart von Oettingen

Von Helga Bittner

Kaarst - "Ich lebe so, als ob ich noch ein ganzes Leben vor mir hätte." Dass der Maler Gerhart von Oettingen mit gerade 90 Jahren diese Worte des früheren Chefs der Kunstsammlung NRW, Professor Werner Schmalenbach, wählte, um seine Haltung zum Leben deutlich zu machen, könnte kaum passender sein für einen Mann, der einem jünger vorkam als mancher so genannte Best Ager um die 50. Und wenn die mentale Kraft, der künstlerische Schaffensdrang, die Neugierde an der Welt, der Humor und die Zuneigung zu Familie und Freunden allein einen Menschen am Leben halten könnten, müsste nicht dieser traurig machende Satz folgen: Gerhart von Oettingen ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

"Ich kann mir alles vorstellen" hatte der im schwedischen Bastad Geborene Schmalenbachs Worte noch ergänzt, und das kam schon fast einem Fazit gleich, denn von Oettingen gehörte zu den Menschen, deren eines Leben auch für drei gereicht hätte. Die Malerei und die Familie bildeten dabei immer den Mittelpunkt. Dass er über viele Jahre beides nicht verbinden konnte, war für ihn dennoch kein Drama: Es war halt so, dass er mal Gartenzäune oder Autos verkaufte, in der Werbung als PR-Mann arbeitet, um die Familie ernähren zu können.

Dass er, der auf der renommierten Kunstakademie Berlin studiert hat (und auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn mit Joachim Ringelnatz über Malerei diskutierte), von seiner Kunst nicht leben konnte, hat nichts mit deren Qualität, wohl aber mit dem Charakter ihres Erschaffers zu tun. Seiner Malerei nämlich mangelte es nicht an Anerkennung, was sich auch in einer langen Liste von Ausstellungen im In- und Ausland spiegelt, aber Kunst muss auch verkauft werden – und da hielt sich von Oettingen eher zurück. Von einer Galerie wollte er sich nie vertreten lassen, und er hat auch selbstkritisch zugegeben: "Ich konnte mich nie verkaufen."

Was in anderen Künstlerbiographien oft zum Bruch mit der Berufung führt, brachte Gerhart von Oettingen eher noch voran. Immer wieder fand der Maler nicht nur zur Leinwand zurück, sondern entwickelte sich im Ausdruck auch weiter. "Als ob etwas in mir gearbeitet hat und ich (es) dann erst ausdrücken konnte" hat er mal beschrieben, was seine Bilderwelt in ständiger Bewegung hielt. Bis in die 80er Jahre hinein arbeitete der Künstler nur gegenständlich, doch dann begann er mehr und mehr, seine Landschaftsbilder in farbige Bestandteile zu zerlegen – bis Kreise und Quadrate seine Bilder zu beherrschen begannen, die nur mit der Fläche spielen, ein Oben und Unten negieren. Kaum vorstellbar, dass passiert wäre, was von Oettingen 1956 allen Ernstes vorhatte: mit dem Malen aufzuhören. Glücklicherweise war da jener Mensch, der ihn bis zum Schluss gestützt und gefördert hat: seine Frau Ursula. Mit ihr, so befand er einmal liebevoll-selbstironisch, habe sein unordentliches Leben ein Ende gehabt.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 19.11.03

Es gibt Dinge, die muss man sich immer wieder sagen, damit man sie überhaupt glaubt. Ganz sicher gehört dazu:
Gerhart von Oettingen wird heute 90 Jahre alt. "Sagen sie bloß nicht Senior!" sagt er mehr lächelnd als drohend, aber das ist auch wohl ziemlich der letzte Begriff, der einem in den Sinn kommt, wenn man sich gerade wieder aufs Angeregteste mit dem Künstler unterhalten hat.

Dabei war es nie so, dass an der Qualität der Oettingschen Kunst Zweifel bestanden - schließlich hatte er ein Studium an der renommierten Berliner Kunstakademie abgeschlossen -, "aber ich konnte mich nie verkaufen", gibt er zu, und von einer Galerie wollte er sich nicht vertreten lassen. Dennoch hat er eine lange Liste von Ausstellungen vorzuweisen, darunter in Florida, Ohio und New York, aber auch Berlin und Würzburg und natürlich wieder im Kreiss Neuss.

"Ich lebe so, als ob ich noch ein ganzes Leben vor mir hätte" - diese Worte des früheren Kunstsammlung NRW-Chefs Werner Schmalenbach kommen von Oettingen sofort in den Sinn, wenn er nach einer Lebensmaxime gefragt wird.

Ganz aktuell hat er eine Vorliebe für kleine Formate entdeckt, ausgelöst durch die Aufforderung, für die Neusser Jahresausstellung (bei der er natürlich ebenso dabei ist wie bei der Kaarster Herbstausstellung. nur gewissermaßen als Ehrengast)

Ob und wie es der Kunst zu verdanken ist, dass Gerhart von Oettingen ein so frischer und reger 90er ist, kann wohl nur er selbst beantworten, aber wer seine jüngsten Bilder in der Kaarster Herbstausstellung ansehen wird, kann zu der von ihm erzählten Anekdote nur bestätigend den Kopf nicken: "Ein Juror hat beim Anblick meiner Bilder mal gesagt: Endlich mal ein junger Maler! Da war ich 86." Herzlichen Glückwunsch!

"60 Arbeiten von 48 Künstlern ausgewählt"
Westdeutsche Zeitung vom 19.11.03

Am Freitag eröffnet Bürgermeister Moormann die Herbstausstellung Kaarster Künstler. Dabei wird Gerhart von Oettingen geehrt, der heute 90 Jahre wird.

Kaarst (Red). Der Kaarster Maler Gerhart von Oettingen feiert heute seinen 90. Geburtstag. Bürgermeister Franz-Josef Moormann wird ihn im Rahmen der Herbstausstellung der "Kaarster Künstler" in der Städtischen Galerie im Rathaus Bütten besonders ehren. Der in Schweden geborene Künstler zeigt dort zehn neue Werke.

Gerhart von Oettingen studierte in den 30er Jahren an der Akademie der Künste in Berlin und gehört zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die den Dichter und Maler Joachim Ringelnatz begegnet sind. Außergewöhnlich ist, dass der Künstler noch immer im Arbeitsprozess steht und Bilder schafft, die voller jugendlicher Energie und überraschender Vitalität und Frische sind. Sie haben in ihrer reichhaltigen Sprache viel mit Lebensgefühl zu tun. Gerhart von Oettingen lebt seit über 30 Jahren in Kaarst. Seine Arbeiten sind seit vielen Jahren in den Jahresausstellungen des Kulturforums Alte Post in Neuss und in den Herbstausstellungen der Städtischen Galerie vertreten. Seine Bilder sind nicht nur in der Region bekannt. Gerhart von Oettingen hat bereits mehrfach in den USA ausgestellt. "Meine größte Angst ist, erwachsen zu werden", hatte der Künstler Anfang Oktober im Gespräch mit der WZ erklärt.

"Spaziergang mit den Augen"
Westdeutsche Zeitung vom 24.11.03

Kaarst. Zu einem sinnlichen "Spaziergang mit den Augen" haben am Freitagabend 48 Maler, Fotografen und bildende Kunstschaffende in die städtische Galerie im Rathaus Büttgen eingeladen. Zur Eröffnungsfeier der 29. Herbstaustellung Kaarster Künstler versammelten sich über 100 Interessierte um insgesamt 60 ausgewählte Arbeiten zu begutachten.

Gefeiert wurde zudem der 90. Geburtstag des in Kaarst lebenden Malers Gerhart von Oettingen. Er präsentiert in den Ausstellungsräumen zehn seiner neuesten Bilder. Aus einem Brief des in Schweden geborenen Künstlers zitierte Bürgermeister Franz-Josef Moormann in seinen Eröffnungsworten: "Bei der gegenstandslosen Malerei sollte man als Betrachter erst einmal nichts denken. Mit den Augen sucht man sich feste Punkte im Bild, so dass sie einen Zusammenhalt im Ganzen finden. Bei einem solchen Spaziergang mit den Augen lässt man das Bild erst auf sich wirken."

Zeit zum Betrachten musste sich jeder Besucher am Freitagabend bei den vielfältigen Werken nehmen. Unter dem Motto "Nichts liegt an der Oberfläche" entführten von Oettingens Malereien mit farbfrohen Kompositionen aus eckigen und abgerundeten Formen in seine künstlerische Gedankenwelt. "Wege zum Glück", "Träume", "Freiheit" oder "Überall ist Wunderland", so lauten die titelgebenden Assoziationen des Malers.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung 19.10.1999

"Bilder der Neunziger Jahre", so der Titel der Ausstellung, haben viel mit Lebensgefühl zu tun. "Von den Bildern geht ein Pulsieren aus, ein Rhythmus. Von einem Musiker sagt man: Er hat den Blues", meinte Thomas Brandt, Kulturforum-Leiter der Alten Post in Neuss. Und das stecke nicht in den Noten. Man müsse die Sprache finden, "und Gerhart von Oettingen hat sie gefunden. Eine Sprache, aber eine sehr reichhaltige Sprache", so Brandt. Der Künstler versteht es, Stimmungen widerzuspiegeln, melancholische, gedrückte, aber auch solche voller Freude und Übermut. Auf den ersten Blick ähneln die Werke einander. "Doch Sie können unmöglich ein Formmotiv herauslösen, das in jedem Bild vorkommt", stellte Brandt fest.

Westdeutsche Zeitung 18.10.1999

Vereinfachung, Verknappung, Schlichtheit, das sind Hauptwörter, mit denen sich das malerische Werk von Gerhart von Oettingen am ehesten identifizieren ließen. Identifizieren deshalb, weil es unter den zahllosen abstrakten und abstrahierenden Kunstwerken unserer Zeit so vieles gibt, was sich ähnelt, was nicht mehr neu ist, was auch nicht gut ist. Gerhart von Oettingen hat sich über lange Jahre seine Eigenständigkeit bewahrt. Wandlungen und Verwandlungen in seinem Werk sind nachvollziehbar. (...) Die "Bilder der neunziger Jahre", wie die Ausstellung überschrieben ist, sind von einer überraschenden Vitalität und Frische. Die einfachen Formen, als wiederkehrende Ornamentik Elemente aller Arbeiten, zeigen sich mal kräftig, mal zurückhaltend. Jedes Bild weist eine eigene Ordnung dieser Elemente auf, die Kreisen oder Bällen, verschiedenen Rechtecken und anderen geometrischen Formen ähnlich sind.
(...) Zeitlosigkeit des ganzen Werks und von dessen Musikalität. Tatsächlich scheinen sich die Elemente wie auf Klangteppichen aufeinander zu zu bewegen. Je dichter sie auf dem Geviert werden, um so undurchdringlicher scheint so ein Bild zu werden. (...)
Bis auf zwei Ausnahmen handelt es sich um Arbeiten auf Papier, die hinter Glas gezeigt werden. Das verleiht ihren Farben, oft ist es Eitempera, einen nachhaltigen Glanz. Doch selbst bei den beiden Malereien auf Leinwand lässt sich keine "Verhärtung" der Formen spüren. Wenn auch Oettingens Werke stets im Zweidimensionalen verbleiben, sich eben wie große Teppiche auf einer Fläche ausbreiten und nicht plastisch und in den Raum hinaus wirken, sind sie dennoch frei von den Zwängen und Grenzen aus Höhe und Breite - als könnten sie sich noch über den Rahmen hinaus entfalten.

Düsseldorfer Hefte 01.12.1999

Breite Linien, die Pinselfahrten oft mehrfach übermalt, in unterschiedlichen Farben vieldeutig schimmernd lasiert vor mal abgestuften, mitunter aber auch sehr kontrastierenden hintergründigen Räumen mit freischwebend-durchschimmernden Weißzonen, diese gelegentlich zart abgetönt, gedeckt - ein Gefüge vitaler, oszillierender Ordnungen von geradezu musikalischer Resonanz zur Gestimmtheit des Betrachters.
Als "sehr frisch und jugendlich" habe er diese Bilder bei einer ersten Begegnung vor drei Jahren empfunden, verriet Thomas Brandt, Leiter des Kulturforums Alte Post in Neuss, den Gästen einer Ausstellungseröffnung mit eben diesen Arbeiten. Auf keinesfalls älter als 50 Jahre hatte er anhand der Werke ihren Schöpfer geschätzt. Umso überraschter sei er gewesen, als er Gerhart von Oettingen wenig später kennengelernt habe. Anlass der Vernissage im Kaarster Rathaus war der 85. Geburtstag, den der mehr denn je schwungvolle Künstler im vergangenen Jahr feiern durfte.
(...) Brandt sprach von weit über die Bedeutungsinhalte der einzelnen Zeichen, Farbwerte und Kleckse hinausführenden "Gegenorten", die durchpulst seien von einem Rhythmus gemäßigter Wildheit. Unzivilisatorische Orte seien das, auf keinen Fall als "brav" zu bezeichnen. Bei einem Bluesmusiker würde man wohl sagen: "Der hat den Groove." Eine in ihrer, was rein Abbildendes betrifft, von Bezügen weitgehend freie Malerei, die doch immer wieder zu bestechend konkreten Gefühlsaussagen über das Leben, Jahreszeiten, Orte und Worte gelangt. Das Bild "Sommer" ist wirklich ein Sommer, flirrend heiß, summend und verschwenderisch, hat ganz die Stimmung, die ein Sommer uns assoziiert. Es ist in dieser Hinsicht verblüffend, welch nervöse Vielschichtigkeit selbst sparsamst gestaltete Exponate, die ein wenig an die bewegten Arbeiten des jung verstorbenen amerikanischen Künstlers Keith Haring erinnern, aus stilsicherer Zeichenhaftigkeit heraus zu erwecken vermögen. Die Bilder sind formal eher streng, aber wer dieser Strenge durch gedrückte Melancholie hindurch, zu der sie eigentümlich verleitet, zu folgen mag, betritt schamanisch-mystische Räume.

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10.01.2007
Neuss-Grevenbroicher Zeitung

19.11.2003
Neuss-Grevenbroicher Zeitung

19.11.2003
Westdeutsche Zeitung

24.11.2003
Westdeutsche Zeitung

19.10.1999
Neuss-Grevenbroicher Zeitung

18.10.1999
Westdeutsche Zeitung

01.12.1999
Düsseldorfer Hefte